- Gegenstimme - http://www.gegenstimme.net -

Der Schlawantiner

Posted By Yaab On 25. April 2008 @ 08:10 In Humor | No Comments

Werde mein Gesicht umoperieren lassen, damit der naiv-leichtgläubige Eindruck verschwindet. Dachte, das gibt sich mit dem Alter, aber die Schnorrer und Schlawiner altern mit. Wollte nix als inne Sonne sitzen und bisschen den Frühling und die Wärme genießen, meine alten, morschen Winterknochen een bissken uffwärmen. Denkste! Kaum sitz ich dort, steuert quer über den Platz und zielstrebig dazu ein fetter, gelbbrauner Levantiner auf mich zu. Strahlt über alle vier Backen, streckt seine Hand aus und frägt: Kennst du mich noch? Schlau war der Pursche, der machte das nicht zum erstenmal. Behauptete, wir kennten uns vonne Arbeit. Vor acht Jahren hätten wir zusammen gearbeitet, wären Kollegen. Ich, ungläubig. im Bundesamt für Umweltstatistik? (Insidern als BUmSta* bekannt.) Das war die Steilvorlage. Er: Ja, genau! Ich: ob er bei den Handwerkern gewesen wäre? Zweite Steilvorlage. Ja, ja, Handwerker, hat viel gearbeitet. Doch jetzt wäre er arbeitslos, bekäme nur 350 Euro. Und letzte Woche wären seine Mutter und sein Bruder gestorben. Dabei war der viel zu alt, um noch eine Mutter zu haben, die letzte Woche hätte sterben können, weil die seit mindestens 100 Jahren schon tot sein müsste. Jedenfalls kam er dann zum Hauptthema. Ich soll ihm was Geld geben. Er zahlt’s zurück, er schwört bei Gott und bei seinen Kindern. Aus Mitleid hätt ich ihm beinah was gegeben, guck in die Brieftasche, sehe, dass ich nur 50er dabei habe. Der linst natürlich mit und will in der Folge nicht nur einfach ‘Geld’, sondern definitiv einen 50-Euro-Schein von mir. Hab ich den mal ein bisschen ausgefragt. Wie lang er denn im BUmSta gewesen wäre? Häh? Kannte der nicht, den Ausdruck BUmSta. Das war jetzt ein Eigentor, aber diesmal von ihm. In welcher Abteilung er gewesen wäre? Hier und da, überall, viel gearbeitet. Die Handwerker gehören aber zu gar keiner Abteilung. Ach, er kann sich nicht erinnern. Letzte Woche, Mutter und Bruder sind gestorben, alles wirr im Kopf seitdem. Wirr. Ich soll ihm 50 Euro geben, er gibt’s zurück, wenn er kann, er schwört bei Gott und bei seinen Kindern. Er zahlt’s zurück, hier auf der Bank. Wieviel Kinder er denn hätte. Wusst er nicht zu sagen. Alles schwirrt in seinem Kopf. Er ist geschieden, die Kinder sind bei der Frau. Sind noch klein, aber einer ist schon groß, studiert an der Uni. Die Sache wurde immer dubioser. Durch ein paar Fangfragen habe ich rausgekriegt, dass der keinen blassen Dunst hatte, wo das BUmSta überhaupt ist. Außerdem gibt und gab es im BUmSta nie einen Ausländer außer einem Türken, Araber gab’s da schon gar keine. Ich hab ihm dann erklärt, dass er kein Kollege ist und auch nix kriegt von mir. Dann hat er noch ein bisschen gebettelt und ist mit seinen Forderungen runtergegangen, zum Schluss wollte er zwei Euro für die U-Bahn. Ich: nein. Er ist dann abgehauen und mit seinem Gehstock zur U-Bahn gewatschelt. Ohne meinen 50er, sogar ohne zwei Euro. Und die Sonne war immer noch schön warm.

Zwei Fragen bleiben offen. Macht der das beruflich? Und falls ja, ist das strafbar oder erlaubt?

* Namen geändert (Die Redaktion)


Article printed from Gegenstimme: http://www.gegenstimme.net

URL to article: http://www.gegenstimme.net/2008/04/25/der-schlawantiner/