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Ich! will! nicht! wissen!

Posted By Yaab On 29. April 2008 @ 11:12 In Analysen | 67 Comments

Über die Unkultur des Wegsehens

The key question for Westerners is: Do we love our freedoms as much as they hate them? Many free people, alas, have become so accustomed to freedom, and to the comfortable position of not having to stand up for it, that they’re incapable of defending it when it’s imperiled—or even, in many cases, of recognizing that it is imperiled. [1] Bruce Bawer

Sehen sie es nicht oder wollen sie es nicht sehen? Warum kauft der alte Mann Tampons oder Slipeinlagen? Für seine 68 Jahre alte Frau sicher nicht. Er schleppt Windeln, Alete-Früchtebrei und Milupa nach Hause. Für wen? Warum fragt die Ehefrau nicht: “Männe, wozu kaufst du Babypuder? Wo sind die Breigläschen von gestern?” Wieso wundert sich der Müllmann nicht über die gebrauchten Windeln in der Mülltonne des alten Ehepaares? Über die Nachgeburten?

Er hätte die Sachen, Nahrung und Kleidung, außerhalb von Amstetten gekauft und seine Gefangenen nur nachts versorgt. Und er tat alles so geschickt, dass niemand es bemerkte. Das kann glauben, wer will oder muss. Der Richter wird es ihm glauben müssen, wenn er nichts Gegenteiliges beweisen kann. Die Medien glauben ihm es, gerne sogar, denn dadurch steigt der Sensationswert der Nachricht: Ein Mann hielt in Niederösterreich 24 Jahre lang seine jüngste Tochter als Sexsklavin im Keller seines Wohnhauses gefangen, zeugte mit ihr sieben Kinder, bis sie im Alter von 42, durch einen Zufall, vorgealtert und mit schneeweißen Haaren, ihrer Haft entkommen konnte, und keiner hat’s gemerkt. Keiner hat etwas gesehen oder gehört. 24 Jahre lang. Gut, das Verlies war unter der Erde, ohne Tageslicht, aber belüftet. Sechs Geburten sollen hier stattgefunden haben, ohne Hebamme, ohne medizinische Betreuung und außer einem Zwilling haben alle Kinder überlebt. Sechs lebende Babies, in einem Zeitraum von 24 Jahren und niemand sie jemals gehört. Es gibt kaum ein anderes Geräusch, das dermaßen typisch und durchdringend ist wie das Weinen und Schreien eines menschlichen Säuglings. Aber natürlich, niemand hat etwas gehört. Im Haus von Skalvenhalter Josef. F. gingen Menschen ein und aus, manchmal wohnten noch andere Mieter hier, die sechs ältesten Kinder von Josef F. und seiner Frau kamen zu Besuch, brachten Enkel mit. Drei Kinder der gefangenen Elisabeth durften nach oben ins Haus, wurden als Pflegekinder des alten Ehepaares gehalten und gut behandelt. In einem Haus, in dem drei Kinder aufwachsen, andere zu Besuch kommen, kann schwerlich etwas verborgen bleiben. Normal aufgeweckte Kinder entdecken alles. Wieso hier nicht?

Der Fall erinnert an Kampusch, aber auch an Sabine H., die neunmal von ihrem Ehemann schwanger wurde, gebar und die Kinder tötete. Ihr Mann behauptet, er habe nichts bemerkt und wird weiter nicht behelligt. Das Ehepaar hatte bereits zwei oder drei gemeinsame, lebendige Kinder; der Ehemann hat also gewusst, was eine Schwangerschaft ist und er kannte alles, was damit zusammenhängt. Neunmal nix gemerkt. Sie wohnten zusammen, sie schliefen miteinander. Ihre Tage bleiben aus – nix gemerkt. Der Bauch schwillt an – nix gemerkt. Ihre Libido ändert sich – nix gemerkt. Sie hat keinen Eisprung mehr – nix gemerkt. Der Bauch wird immer dicker, ab dem sechsten Monat ist das kaum noch zu übersehen, und dann wir er ganz plötzlich wieder flach. Nix gemerkt. Neunmal nix gemerkt. Neunmal. Das kann überhaupt nicht sein.

Es ist kein Nichtmerken, es ist ein Nichtmerkenwollen. Sie wollen nicht sehen, sie wollen nicht hören, sie wollen nicht wissen, denn das Leben ist viel einfacher so.

Das bisher wohl schlimmste Kapitel des Nichtmerkenwollens wurde in Nazideutschland geschrieben. Als 1945 die Befreier kamen, fielen alle aus den Wolken. Die Konzentrationslager, die Gaskammern, die Judentransporte. Schrecklich! Doch keiner hat etwas gewusst. Keiner hat etwas davon gemerkt. Keiner hat mitbekommen, wie der jüdische Nachbar verschwand. Und das ist sehr merkwürdig, denn etliche der Emigranten, die sich in die USA flüchten konnten, wussten genau Bescheid. Sie hatten nämlich hingesehen, sie hatten hinsehen müssen, denn es ging um Leben und Tod für sie. Die anderen jedoch übten sich in der Untugend des Wegschauens, des Nichtsehenwollen: Ich! will! nicht! wissen!

Wir befinden uns heute in einer ähnlichen Situation. Die Freiheit des Westens ist bedroht durch den islamischen Dschihad. Unterschiedliche Motive, vorwiegend jedoch die schiere Angst vor der Rache der Dschihadisten, bringen die Menschen im Westen, und unter ihnen nicht zum geringsten Entscheidungsträger der Politik und Meinungsmacher der Medien, dazu, radikal entschlossen wegzuschauen und die Gefahr zu ignorieren. Sie wollen nicht sehen, also sehen sie auch nicht.


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