Gegossenes Blei

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12. August 2008

Nicht einmal der Weltsicherheitsrat!

Es gibt Momente im Leben, in denen man zwischen Nachrichten und Satire nicht mehr unterscheiden kann. Bei mir war es mal wieder soweit, als ich vor zwei Tagen im Radio hörte:

“Nicht einmal der Weltsicherheitsrat kann sich auf eine Lösung für den Ossetienkonflikt einigen.”

Nicht einmal der Weltsicherheitsrat?!? Na, dann muss es wirklich schlimm sein.

Ich persönlich weiß nicht, warum die Georgier ausgerechnet letzte Woche nach Südossetien einmarschiert sind. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich diese Gewaltanwendung von georgischer Seite wirklich angemessen finde, aber ich weiß, daß ich die Antwort der Russen für bei Weitem überzogen halte. Was mich aber an diesem Konflikt am heftigsten den Kopf schütteln lässt, ist die russische Rhetorik. All jenem was dem georgischen Präsidenten Saakashwili vorgeworfen wird, hat Russland sich im Tschetschenien-Krieg selbst schuldig gemacht. Ich vermag den Unterschied der  russischen Invasion in Tschetschenien und der georgischen Invasion in Südossetien nicht auszumachen. Man fühlt sich erinnert an Putins Kritik an der Niederschlagung gewaltsamer Ausschreitungen in Estland im Zuge des Denkmalstreits. Eine Kritik, die er äußerte nachdem er eine Woche vorher friedfertige Demonstranten in Moskau verprügeln ließ.

Aus Russland läßt sich vernehmen, Saakashwili sei wahlweise der neue Hitler oder der neue Hussein… Wo wäre eigentlich Russlands Problem mit einem “neuen Hussein”? Gegen den alten hatte man doch auch nichts?

Herr Medwedew hat außerdem festgestellt, daß sich für die Vorgänge kein anderes Wort finden ließe als “Genozid”. Eine Aussage, die die Befürchtung aufkommen lässt, daß der russische Präsident einen recht eingeschränkten Wortschatz hat.

Keinen eingeschränkten Wortschatz hat Herr Lawrow, der das Wort “regime change” zwar kennt, es aber nicht benutzen mag, da es eine reine amerikanische Erfindung ist. Weg soll Saakashwili trotzdem. Gut, daß wir mal darüber gesprochen haben.

Aber jetzt ist ja eh alles gut, denn:

Russlands Präsident Medwedew kündigt ein Ende des russischen Militäreinsatzes in Georgien an. “Ich habe die Entscheidung getroffen, den Einsatz zu beenden, um die georgische Führung zum Frieden zu zwingen”, so Medwedew.”

Und das alles zwei Tage nachdem Georgien einen Waffenstillstand angeboten hat. Das haben die Georgier aber nur getan, weil das antizipierte zwei Tage später folgende Ende der Kampfhandlungen von russischer Seite sie quasi dazu gezwungen hat. Klar jetzt?

Dieser Beitrag wurde von Sir Winston am Dienstag, 12. August 2008 um 14:29 Uhr veröffentlicht und unter Russland abgelegt. | Sie können ihn per E-Mail versenden und ausdrucken. | Schreiben Sie einen Kommentar oder richten Sie einen Trackback auf Ihrer Website ein.

Bisher gibt es 8 Kommentare zu “Nicht einmal der Weltsicherheitsrat!”

  1. 1 Jürgen (Dienstag, 12. August 2008; 14:42): 

    Schön, Dich wieder zu lesen, mein lieber Sir!

  2. 2 freeblogger (Dienstag, 12. August 2008; 14:51): 

    Das erinnert mich ein wenig an Strafrecht. Nach § 24 StGB kann der Täter von einer Straftat straffrei zurücktreten. Meist genügt einfach aufhören aus autonomen, nicht zwingend moralischen, Gründen. Zwar gibt es so ein Konstrukt im internationalen (Straf-)Recht nicht und schon gar nicht für einen Staat oder sonstige nichtnatürlichen Personen, aber man kann es einfach mal unterstellen. So ist Georgien aus autonomen Motiven vom Krieg zurückgetreten. Aber Russland als Ankläger und Richter in Personalunion gönnt diesen „Rücktritt“ nicht und will es zur unfreiwilligen Aufgabe ummünzen. Denn wer nicht freiwillig aufgibt, wird auch härter bestraft. Nun es wird zwar vielleicht nicht vor dem internationalen Strafgerichtshof enden, aber Russland kann aus seiner Sicht nun Georgien bestrafen: die strittigen Gebiete werden abgetrennt.

  3. 3 sergio (Mittwoch, 13. August 2008; 00:06): 

    Herr Medwedew ist einer der vielen Verlierer dieser Tragödie.
    Wer nach der russischen “Wahl” noch nicht sicher war, mit wem er jetzt sprechen sollte, weiss es spätestens jetzt.

    Wieso Georgien in Süd Ossetien einmarschiert ist? Nun, jeder Staat hat ein interesse, suveranität über sein gesamtes terretorium auszuüben. Süd Ossetien ist ein Teil Georgiens, darüber gab es auf internationaler ebene keine zweifel. Moskau hinderte Gergien jedoch an seiner suveranität und russische militärs verdienten zusammen mit ossetischen banden millionen mit schmuggel. der sogenannte ossetische seperatisten führer war zu sovjet zeiten ein kommunistischer parteibonze. das sonstige gebiet war überwiegend von osseten bewohnt, mit grossen georgischen minderheiten, die sich gegenseitig immer wieder beschossen haben.
    wer genau zuerst geschossen hat lässt sich meiner meinng nach nicht genau bestimmen. sicher ist, dass russland einen krieg wollte, anders lassen sich die truppenmassierungen vor der grenze schon vor dem krieg nicht deuten. (mal abgesehn, dass die schiffe und flugzeuge sogar funktiert haben, wo dich sonst bei den russen alles auseinander fällt - kleine polemik am rande)
    wie auch immer, sakashvili hat unvorsichtig gehandelt, dn köder geschluckt, und gergien wird dafür noch lange zahlen müssen. andere werden folgen. nex one could be ukraine, or the baltics. putin lies ja noch extra verlauten: russland ist die schutzmacht aller russen, also ukraine, beware!

    nch was zu den völkern am kaukasus: Die Osseten sind ein Indo Europäisches Volk mit einer eigenen sprache, die mit Farsi und Tadschikisch verwandt ist (perser). Sie wurden wohl im mittelalter von den turkvölkern vertrieben, das gebiet welches heute land der azari ist. nur eines von vielen völkern die kaukasus leben. in dagestan aleine, einer kleinen russischen republik neben chechenien, hat es etwa ein duzend kleine völker. die osseten wiederum sind von chechenen und inguscheten und anderen umgeben.
    weitere “frozen conflicts” könnten noch auftauen.

  4. 4 hallowach (Mittwoch, 13. August 2008; 08:55): 

    Hallo Sir. Schön dass Du wieder da bist!

  5. 5 Stoff für’s Hirn « abseits vom mainstream - heplev (Montag, 18. August 2008; 17:17): 

    […] Was den russischen Krieg gegen Georgien und seine Zivilbevölkerung angeht, hätte ich ein Vokabular anzubieten, das so unter aller Sau ist, dass ich mir sehr überlege, was ich überhaupt sage. Allerdings gibt es ja auch andere, die sich besser ausdrücken können, zum Beispiel Sir Winston auf der Gegenstimme. […]

  6. 6 Völkerrecht ist wie der Weihnachtsmann » Gegenstimme (Samstag, 23. August 2008; 09:44): 

    […] kleinen Nachtrag zu dem Georgienkonflikt in dem nicht einmal der Weltsicherheitsrat eine Lösung finden konnte, habe ich ein kleines Zitat von Ann Coulter aus ihrem Buch “How […]

  7. 7 Dima sagt lustige Sachen! » Gegenstimme (Dienstag, 26. August 2008; 22:57): 

    […] Dmitrij Medvedev vor ein paar Tagen, den Georgiern den Waffenstillstand förmlich aufgezwungen hat, zwei Tage nachdem die Georgier eben diesen angeboten hatten, hat er wieder mal was Interessantes […]

  8. 8 Quo vadis, Russland? - Außenpolitik » Gegenstimme (Donnerstag, 20. November 2008; 13:55): 

    […] nicht. Georgien war auf einem guten Weg. Putin sollte aufpassen, wen er einen Diktator nennt. Außerdem fragt man sich, woher Putin sich das Recht nahm, Tschetschenien dem Erdboden gleichzum…, Sakaaschwili aber das Recht verwehrt, das gleiche mit Abchasien zu tun? Putin sollte aufpassen, […]

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