Immer wieder ― wann gleich noch mal? ― kommt die Erinnerung
– Nach einer wahren Begebenheit –
Teil 1
“Guten Morgen Schatz”, hauchte mir mein Rippchen (sorry, falsche Wohnung) Weibchen frühmorgens zart ins Ohr. “Alles Gute zu deinem Geburtstag.”
“Mhhmm!” Mit der linken Hand versuchte ich schlaftrunken meine lästige Bettgenossin wegzudrücken. Ich brauche meinen Schlaf bis mindestens 10:00 Uhr, und das weiß sie eigentlich auch ganz genau. Ich drehte mich missmutig auf die andere, ihr abgewandte Seite, und suchte reflexartig meine für Notfälle stets bereitliegenden Ohropax. Doch die Klette ließ sich nicht abwimmeln, sondern zog mir stattdessen frech die das ganze Elend verhüllende Bettdecke weg: “Raus aus den Federn, Faulpelz. Überraschung!”
Schlagartig war ich hellwach. Überraschungen sind immer klasse. Ich liebe Überraschungen! Für Überraschungen verlasse ich nicht nur ausnahmsweise ohne Androhung von körperlicher Gewalt oder eines Kochstreiks meinen PC, dafür springe ich sogar zu unchristlichsten Zeiten vergnügt aus dem Bett. Für eine Überraschung würde ich sogar meine Frau nochmal heiraten.
“Und? Was für eine Überraschung ist das jetzt?”, gierte ich kindlich erregt meinem Weibchen entgegen. Ich hatte mich derart schnell von der Waagerechten in die Senkrechte begeben, dass ich Sterne sah: “Ah, wunderschön. Wo hast du die denn her?”
“Was?”
“Die Sterne.”
“Welche Sterne?”
“Ja, eben, welche Sterne eigentlich?” Mittlerweile hatte sich mein Kreislauf wieder normalisiert und die eben noch vorhandene himmlische Szenerie war verschwunden wie eine geplatzte Seifenblase.
“Also, was ist jetzt?”
“Was soll schon sein? Der 17. Juli ist, Schatz”, sprach’s und summte erwartungsvoll lächelnd ein mir in Grundzügen bekannt vorkommendes, sich mir aber in seiner Gesamtheit letztlich doch nicht erschließendes Liedchen. Schlecht singen konnte meine Frau schon immer sehr gut. Letztens dachte ich, sie summte Toccata und Fuge von Bach aus dessen BWV 565. Als ich ihr daraufhin voller Staunen die Teilnahme an einem Kirchenorgelkurs anbot, fragte sie mich sichtlich entrüstet, ob ich mir wirklich allen Ernstes Orgelmusik zu “Living next door to Alice” vorstellen könne. Irgendwie schien es, als zweifelte sie an meinem Musikverständnis. Ausgerechnet sie … an meinem Musikverständnis!
“Der 17. also. Juli. Aha. Und?”
“Ja sag mal, Schatz. Du wirst doch wohl wissen, was heute für ein Tag ist, oder?”
“17. Juli? Hm, da du mal wieder deine Nationalhymne summst, würde ich eigentlich auf den 3. Oktober oder den Unabhängigkeitstag tippen. Aber für den einen ist’s noch ein wenig früh, und der Unabhängigkeitstag war ja schon vor 13 Tagen. ― Oder wart’ mal, im Gegenteil … Hochzeitstag? Ist heute etwa unser Hochzeitstag?”
Die fünf roten Streifen auf meiner rechten Wange trug ich insgesamt zwei Tage lang öffentlich zur Schau. Hätte ich mir dazu ein paar von den erneut erblickten Sternchen auf die Backe geschmiert, jeder hätte geglaubt, der Depp feierte tatsächlich verspätet den amerikanischen Independence Day. Wie dem auch sei ― Hochzeitstag war heute jedenfalls nicht. Zumindest nicht unserer.
“Pah! Dann eben nicht. Penn weiter. Ich geh Staubsaugen.”
Das macht mein Weibchen immer, wenn sie sauer ist. Früher dachte ich, sie hätte einen Putzfimmel, weil man in unserer Wohnung stets vom Boden essen kann. Heute weiß ich, dass sie einfach gerne staubsaugt.
Nach der Enttäuschung mit der ausgebliebenen Überraschung konnte ich natürlich nicht mehr schlafen. Also zog ich mich an und fuhr ― froh, den grauenhaften Hausarbeitsgeräuschen in der Wohnung zu entkommen ― zur Arbeit. Kaum hatte ich die Firma betreten, wurde ich auch schon von meinen Untergebenen bestürmt:
“Hey, Chef, alles Gute!”
“Hallo Jürgen! Na? Wie fühlst du dich heute an deinem großen Tag?”
“‘Servus Chef. Alles Gute zum …”
Ich wandte mich postwendend ab und wichtigeren Dingen zu. Irgendwie schienen sie heute alle zu spinnen. Kopfschüttelnd schlich ich erstmal in die Küche, um mir einen Kaffee zu ziehen und anschließend bei ausgeschaltetem Licht Gedanken darüber zu machen, ob ich vielleicht der einzige war, der den medizinischen Versuchen einer Horde Ausserirdischer entkommen war, die die Welt letzte Nacht heimgesucht hatten. Letzten Endes kam ich zu dem Entschluss, dass das heute hier nichts für mich war, und so schleifte ich mich an meinen PC und schrieb meiner Chefin eine
E-Mail:
“Liebelein,
ich weiß, dass Du nicht auf mich verzichten kannst. Aber heute versuchen wir’s trotzdem mal. Ich fahr jetzt nach Hause und komme erst wieder, wenn das Facility Management die Ghostbusters hier durchgeschickt hat.
Tschüss
Jürgen”
Die Blumen, die seltsamerweise auf meinem Schreibtisch standen, packte ich geistesgegenwärtig ein, um sie später meiner Frau als Versöhnungsgeste zu überreichen. Blumen gibt’s ansonsten nur zu ihrem Geburtstag. – Die in der Folie steckende Karte fiel ungelesen dem Papierkorb anheim …
Dieser Beitrag wurde von Jürgen am Mittwoch, 13. August 2008 um 03:50 Uhr veröffentlicht und unter Humor, In eigener Sache abgelegt. | Sie können ihn per E-Mail versenden und ausdrucken. | Schreiben Sie einen Kommentar oder richten Sie einen Trackback auf Ihrer Website ein.








(Bisher 12 Bewertungen mit durchschnittlich 4.25 Sternen) 



Passive-aggressive central, zwei Spielverderber machen Teamwork vom Feinsten, und das alles zum Jubilaeum, lol. Nee, finde ich nicht lustig, sondern traurig. Wenn man keine Probleme hat, macht man sich welche?
Du vergisst den Hochzeitstag, sie weckt dich ohne Ueberraschung auf und staubsaugt dann aus Rache damit du nicht weiter schlafen kannst.
So wird das bestimmt nichts mit der Goldenen Hochzeit!
Wirrkopf.
Mach dir nix draus, Juergen. Nicht alle unsere Leser schaffen es, bis zum Schluss des ersten Satzes konzentriert der Handlung zu folgen. Wir schreiben einfach auf einem zu hohen Niveau.
Der erste Satz?
““Guten Morgen Schatz”, hauchte mir mein Rippchen (sorry, falsche Wohnung) Weibchen frühmorgens zart ins Ohr. ”
Nun ja… soweit so gut. Aber dann wirds irgendwie kompliziert und unharmonisch
— mal ganz im Ernst, was verpasse ich bei dieser Story denn ausser das dieses Paerchen sich anscheinend nicht gerade sehr lieb hat, und auch ganz schlechte Manieren im gegenseitigen Umgang hat?
Ob das jetzt nun die Freundin oder die Frau ist mir auch nicht ganz klar (das wird wohl der Grund deines Spottes sein
nun ja, ist eben noch trauriger, das es selbst beim Fremdgehen Krach gibt.
Sieht einfach nur nach nervigem Kleinkrieg aus, Ohrfeige, Kampfstaubsaugen und Nah(und Fern)schmollen inklusive — was soll das bloss und was bringt das, ausser schlechte Laune?
Ne, tut mir sorry, ich finde solche Beziehungsversagergeschichten nicht lustig, weil es die Leute die so ‘nen Horrorfilm durchmachen verbittert und ihnen das Leben verdirbt, und alles wegen nichtigen Kinderkram. Hab’ ich leider zu oft gesehen, und das geht dann in ihrem Leben weiter so, bis sie das andere Geschlecht zu hassen und zu verachten lernen und zum Gendernazi werden (Feministinnen sind genauso schlimm wie Chauvinisten, deswegen Gendernazi) und das ganze endet dann darin das sie alleine wohnen und bis ins hohe Alter sich wie Teenies verhalten.
Diese Art des ‘Spielens’ ist ein Gift fuer die Gesellschaft und fuer die individuellen Leute… guck’ dich mal um, es gibt massenweise einsame alte Menschen die mit keinem klarkommen weil sich sich einfach nicht benehmen und anpassen koennen (oder wollen).
Guetiger Himmel! Entspanne dich!
Das ist ja Meynstream! Jürgen, von Dir erwarten wir einen echten Kraft-Zick!
Es ergab sich so, Heinz. Einer muss ja die gute alte Tradition auf der Gegenstimme fortführen
@4: Diese Art des ‘Spießertums’ ist ein Gift fuer die Gesellschaft und fuer die individuellen Leute… guck’ dich mal um, es gibt massenweise einsame alte Menschen die mit keinem klarkommen weil sie einfach keinen Humor haben und nicht zwischen Realität und Satire unterscheiden koennen (oder wollen). Gell?
@Michael: Ich bin ganz enspannt weil bei mir so ein Dummsinn nicht stattfindet und auch nicht geduldet wird
Aber ich denke auch das solche Ideen Gift fuer die Allgemeinheit sind, und da ja hier steht: “Sagen Sie uns Ihre Meinung!” tat ich dies auch.
Bis jetzt habe ich aber keine echte Meinung zurueckerhalten, ausser ‘Entspann dich’ und ‘Wirrkopf’, schein so als ob die ‘Gegenstimme’ Hustenpastillen braucht? *g*
@Jürgen : Habe leider solche Szenen zu oft im bitteren Ernst erlebt, und ja, es ist schon ‘lustig’, aber das Resultat ist leider zum Heulen. Nix Satire, nur banale kalte Realitat, sorry.
Ich bin in meinem Bekanntenkreis die einzige die eine Harmonische Ehe fuehrt, und das schon seit 11 Jahren — die meisten sind immernoch auf permanenten Freiersfuessen(mit 40!!!), und suchen nach einen Idealpartner den es gar nicht geben kann, und wenn der jetzige dem Traum nicht entsprechen kann, dann geht meistens so ein Teenie-style Microterror los von dem die Geschichte erzaehlt. Letze Woche hat wieder ein ‘last chance’ relationship den Geist aufgegeben, und meine Freundin has wohl akzeptiert das sie die letzten 5 Jahre ihrer Fruchtbarkeit auf ein erwachsenes Kind verschwendet hat der alles versprochen aber nichts gehalten hat (na, sie selber ist auch nicht einfach mit zu leben, so ein fussy girl, neurosis central, egads), tja, the time is gone, the chance is over.. thought I’ve something more to say… nun, jetzt wird sie sich wohl brav in die Elanor Rigby Armee einreihen da es keine andere Wahl gibt, no Prince Charming for her, just more casual love affairs, das ist alles was im Angebot ist — junk love as in junk food.
Sie versteht nicht einmal was sie falsch machte, weil sie von den Feministen zur Schreckschraube erzogen wurde, und ihr Boyfriend zum ewigen Playboy, und beide sind einfach zu stolz sich gegenseitig unterzuordnen.
Deswegen also mein totaler Humourausfall hier, den Egoismus und das Konsumdenken der ‘ewigen Jugend’ das die 68′er verbreitet haben im Namen ‘der Freiheit der Liebe’ ist genau das was unsere Kultur zerstoert indem sie unsere Faehigkeit zu lieben kaputtmacht.