Würden Winnetou und Old Shatterhand heute noch leben und im Heimatland Karl Mays zuhause sein, ich bin sicher, die beiden würden Bad Segeberg im gestreckten Galopp verlassen und einige hundert Meilen süd-süd-westlich reiten, um den saarländischen Banditen Santa Oscar zur Strecke zu bringen (Hervorhebungen von mir):
Wie Lafontaine sich selbst umdeutet
Der Chef der Linkspartei ändert seine Ansichten mitunter nach politischer Wetterlage. Ein Beispiel sind seine verharmlosenden Äußerungen zur Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED: Der Lafontaine von 1996 würde dem von 2008 heftig widersprechen.
Die SPD-Mitglieder hatten im Metropol-Theater Platz genommen. In jenem Saal, in dem am 21. und 22. April 1946 die Vereinigung von SPD und KPD zur SED beschlossen worden war. 50 Jahre später, am 20. April 1996, trat Oskar Lafontaine ans Rednerpult.
Der Saarländer, damals SPD-Bundesvorsitzender, hielt eine kämpferische Rede. Von “Zwangsvereinigung” sprach er, von der “Vernichtung der Sozialdemokratie” durch “Verfolgung, Täuschung und Betrug”. Die historischen Fakten, so Lafontaine in Berlin, zeigten: “Zu keinem Zeitpunkt gab es eine Mehrheit in der ostdeutschen Sozialdemokratie, die eine Vereinigung mit der KPD zu den von der KPD vorgeschlagenen Bedingungen befürwortet hätte.”
Zwölf Jahre später, Anfang September in Potsdam. Lafontaine, nunmehr Vorsitzender der Linkspartei, gibt eine Pressekonferenz, zusammen mit der brandenburgischen Fraktionschefin Kerstin Kaiser. Es geht auch um die Vorgängerin der Linkspartei, die SED. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) hat der Linken kurz zuvor vorgehalten, sie sei die Partei, die 1989 das “Fiasko der abgewirtschafteten DDR” hinterlassen habe.
Lafontaine reagiert mit einem Rundumschlag. Die PDS habe sich intensiv mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt, man falle nicht “auf die Propaganda unserer Gegner herein”. Dann spricht er davon, dass sich die SPD zunächst einmal mit ihrer Geschichte auseinandersetzen solle. Die Wahrnehmung der Zwangsvereinigung sei von “völliger Unkenntnis” geprägt. Nach 1945 hätte auch viele Sozialdemokraten zunächst die Vereinigung der Arbeiterbewegung gewollt, die SED sei “auch freiwillig gegründet worden - von vielen SPD-Funktionären”. […]
Lafontaines Ausbruch in Potsdam zeigt, wie sich der einstige SPD-Vorsitzende entgegen der historischen Faktenlage das Geschichtsbild der PDS angeeignet hat. Bis heute hat die Linkspartei, vormals PDS, vormals SED/PDS, vormals SED, keine Entschuldigung für die Opfer des unter massiven Drucks der sowjetischen Besatzungsbehörden durchgesetzten Zusammenschlusses gefunden. […]
Noch 1996 hatte Oskar Lafontaine auch an den wortgewaltigen und hellsichtigen Gegner der Vereinigung erinnert, an den ersten SPD-Nachkriegsvorsitzenden in den Westzonen, Kurt Schumacher. “Das Selbstverständnis der Schumacher-SPD als eine konsequente antitotalitäre Partei, die Faschismus und Bolschewismus bekämpfte, wird die Sozialdemokratie bewahren”, schrieb er im Februar desselben Jahres in einem Vorwort zu einer SPD-Schrift zur Zwangsvereinigung.
Damals fand der SPD-Vorsitzende sogar noch kritische Worte für den politischen Gegner. “Es ist schwer zu begreifen, dass die PDS, die Nachfolgerin der SED, in ihrem ausführlichen Papier ‘Zum 50. Jahrestag’ kein Wort des Bedauerns für die Opfer findet.” Und er fügte hinzu: “Auch von Zwangsvereinigung möchte sie nicht reden.”
Daran hat sich bis heute nichts geändert. Nur die Sicht des Linkenvorsitzenden selbst.