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Ein Afrikaner in Moskau
Posted By Sir Winston On 20. September 2008 @ 10:00 In Afrika, Literatur, Russland, Left Trash | 9 Comments
Vor einiger Zeit habe ich auf einem Flohmarkt ein Buch mit dem Titel “Ein Afrikaner in Moskau” gefunden. Es ist die Geschichte des jungen Togolesen, Michel Ayih, in Moskau [1] Ende der 50er Jahre:
Zwei Jahre, von 1958 bis 1960, war der junge Togolese Michel Ayih einer der 40000 Studenten an der Lomonossow-Universität in Moskau. 1957, bei den Moskauer Welt Jugendfestspielen, hatte er die Sowjetunion kennengelernt. Damals war er so begeistert, daß er den Entschluß faßte, sich dort auf den diplomatischen Dienst vorzubereiten. […] Er war kein Anhänger des Kommunismus. Doch er glaubte dessen Versprechungen.
Ayih wurde enttäuscht. Er beschreibt in seinem Buch das Leben eines Afrikaner in der klassenlosen, antiimperialistischen Gesellschaft. Er kommt zu dem Schluß, daß die Kolonialherren, denen er zutiefst kritisch gegenüber steht, gegen diese Freunde der afrikanischen Völker ziemlich harmlos waren. An einer Stelle schreibt er:
Ja, in der Sowjetunion hat man - besonders wenn man längere Zeit dort lebt - immer ein Gefühl der Angst. Ob man Ausländer ist oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Es scheint so, als sei die Angst die Grundlage der sowjetischen Gesellschaft. Diese Angst erzeugt Schweigen, und dieses Schweigen erweckt den Anschein vorbildlicher Ordnung und Disziplin.
Das Interessante an dem Buch ist natürlich nicht nur die Geschichte eines anfänglich sympathisierenden Ausländers, der sich anschließend vom System abwendet, sondern die Geschichte eines schwarzen Ausländers. Warum ist das interessant? Weil die Standardantwort der Sowjets, wenn die Amerikaner Menschenrechtsverletzungen anklagten, jedes mal war: “Sorgt ihr erstmal für Gleichberechtigung der Schwarzen zu Hause”. Ich will die Validität dieses Vorwurfs der Sowjets gar nicht anzweifeln. Aber Michel Ayih zieht den Sowjets den moralischen Grund einfach unter den Füßen weg. Es gab Ende der 50er sehr gute Gründe, die USA für Ungleichbehandlung von Schwarzen und Weißen zu kritisieren, aber die SU hatte das Problem selbst nicht im Griff:
Da man in der UdSSR Ordnung und Disziplin mit moralischem Zwang verwechselt, ist die sowjetische Jugend von einer Überheblichkeit, die besonders uns Afrikanern schmerzlich bewußt wurde. In derselben Sowjetunion, die so lautstark gegen die Rassenpolitik der Europäer und Amerikaner streitet, sind wir schwarzen Studenten immer wieder wegen unserer Hautfarbe angepöbelt worden. Indirekt trug zu diesem entwürdigenden Verhalten sowjetischer Bürger die sowjetische Pressepropaganda bei. Seit Jahren schildern die sowjetischen Zeitungen uns Afrikaner als erbärmlich lebende, von den Weißen im Zustand der Primitivität gehaltene Wesen.
[…] es war für uns immer wieder kränkend, wenn die Sowjets in ihrer Propaganda das Maß unserer afrikanischen Armut und Unwissenheit übertrieben. Weil man aus propagandistischen Gründen nicht zugeben wollte, daß es auch ohne sowjetische Hilfe eine fortschrittliche Entwicklung geben kann, verschwiegen die Sowjets die Existenz einer afrikanischen Intelligenzschicht, und die sowjetischen Bürger erfuhren nichts oder fast nichts von den Fortschritten unserer Nationen.
Eine Gesellschaft, die den Rassismus überwunden hatte, hatte Michel erwartet. Er wurde enttäuscht. Über einen Vorfall, in dem er als Affe beschimpft wurde, schrieb er:
Ich empfand die Beleidigung um so schwerer, als sie von Menschen geäußert wurde, die akademisch gebildet waren. Diese Menschen, die sich “Sowjetbürger” nannten und sonst so taten, als hätten sie den Fortschritt für sich gepachtet, verglichen mich mit einem Tier! Wie gesagt, es waren keine bornierten amerikanischen Südstaatler, keine südafrikanischen Arpatheids-Apostel, sondern Sowjetmenschen, vielleicht sogar Mitglieder des Kommunistischen Jugendverbandes.
Nachdem ein schwarzer Kommilitone von sowjetischen Studenten zusammengeschlagen wurde, schrieb Ayih folgendes:
Wenn in einem anderen Land etwas Ähnliches geschehen wäre, wenn amerikanische, französische oder deutsche Studenten sich ähnlich gegenüber farbigen Studenten verhalten hätten - wäre ich sicher, daß die Sowjets eine Staatsaktion daraus gemacht und gegen das Vorgehen der “brutalen Imperialisten” mit großem Stimmaufwand protestiert hätten. Nun, der alte Satz gilt auch hier - wenn zwei das gleiche tun, ist es durchaus nicht immer dasselbe.”
Auf diesen Vorfall hin schreiben die afrikanischen Studenten einen Beschwerde an den Ministerpräsidenten und die Universitätsleitung. Kurze Zeit später wird einer von ihnen, Hila Dreye aus Senegal, ins Büro für ausländische Studenten zitiert.
“Herr Hila”, sagte ein Vertreter des Büros für ausländische Studenten, “sind Sie sich über die Folgen Ihres Vorgehens überhaupt im klaren? Dieser Brief ist eine Beleidigung für unsere Gesellschaft, und was Sie darin berichten, ist offensichtlich unwahr. Solche Vorfälle sind bei uns einfach unmöglich.”
Michel Ayih hat sich den sowjetischen Behörden niemals unterworfen. Und wie viele andere Afrikaner wurde unter fadenscheinigen Gründen aus der UdSSR geworfen. Über seine Abreise schrieb er:
“Als am Morgen des 7. Juli die Maschine der SABENA vom Moskauer Flughafen Scheremetjewo startete, um mich nach Paris zurückzubringen, stieß ich einen Seufzer der Erleichterung. Ich wußte zum erstenmal, was es bedeutet, in Freiheit zu leben.”
Ich fand das Buch dieses jungen Mannes sehr fesselnd. Zum einen, weil er die oft gepriesene Abwesenheit von Rassismus in der Sowjetuion gekonnt karikiert und zum anderen, weil er viel über Freiheit und ihre Bedeutung schreibt. Er schließt sein Buch mit folgendem zeitlosen Absatz:
Die sowjetischen Kommunisten wollen die Welt beherrschen - uns alle, ob schwarz oder weiß, ob Europäer oder Afrikaner. Angesichts dieser Absichten (von denen Chruschtschow immer wieder offen gesprochen hat) sollten wir erkennen, daß es heute ein Interesse aller freien Völker gibt. Von uns, von den Menschen der freien Welt, hängt es ab, ob die Sowjets den Sieg über uns alle davontragen werden oder nicht. Wenn es uns gelingt, die westliche Welt so zu ordnen, daß wir einheitlich und solidarisch handeln, daß wir die sozialen, rassischen und politischen Ungerechtigkeiten in unseren eigenen Reihen beseitigen, und wenn wir Freiheit und Brüderlichkeit nicht nur predigen, sondern auch vorleben können - dann wird der Weltkommunismus sowjetischer Prägung sein Ziel nicht erreichen.
1961 hat der junge Togolese diese Worte geschrieben. 47 Jahre später ist der Weltkommunismus sowjetischer Prägung zwar erledigt, aber es gibt andere Gefahren, gegen die die westliche Welt zusammen stehen sollte…
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