Vorbemerkung HE: Jerusalem ist und war – besonders auch in der Altstadt – eine jüdische Stadt. Heute weiß kaum jemand, wie die „Viertelung“ nach Religionen entstanden ist und dass diese nicht wieder gibt, welche Einwohner wo wohnten. Insofern ist der folgende Text von Rabbi Yakov Goldman aus dem Jahr 1975 sehr wichtig, denn er erinnert daran, wie es früher war und welche Fehlvorstellungen heute selbst bei Israel-Kennern existieren.
Mit einigen Aussagen des Rabbi bin ich nicht einverstanden, so z.B. wenn er sagt, dass Jerusalem als Stadt Christen nicht heilig ist, sondern nur bestimmte Orte. Vielleicht hat er ja sogar Recht, was die großen Kirchen angeht. Aber für mich als Christen ist die ganze Stadt die Stadt Gottes und ein heiliger Ort. Insofern und was die christlichen heiligen Stätten angeht, ist Jerusalem auch eine „christliche“ Stadt, was ihrem jüdischen Charakter aber nichts nehmen darf; denn wenn ich als Christ an den Gott Israels glaube, dann kann ich seinem Volk nicht nehmen, was ihm zugesprochen ist.
Ein sehr wunder Punkt in Jerusalem ist für mich als Christen die Grabeskirche. Dieses Problem beschreibt Rabbi Goldman sehr treffend – und ich kann es weder ihm noch anderen Juden, Muslimen oder sonstigen verübeln, wenn sie dieses grausige Beispiel christlicher „Brüderlichkeit“ als abschreckendes gegen die Christen betrachten. Hier wäre es wirklich endlich an der Zeit, dass diese dort vertretenen Kirchen ihren Neid, ihre Missgunst und ihren Hass gegen einander endlich aufgeben würden. Aber das wird wohl nicht passieren. Traurig.
Doch darum geht es hier nicht. Es geht um die Aufarbeitung einer falschen Vorstellung von Jerusalem und seiner Altstadt als in deutlich von einander getrennte religiös-ethnische Viertel. Das ist eine sehr junge Vorstellung, die der Stadt und vor allem seiner jüdischen Bevölkerung aufgedrückt wurde. Und es ist wichtig zu wissen, dass es einmal anders war.
Jerusalem in Vierteln
Rabbi Yakov Goldman/Ohr Somayach, Original: Jerusalem Quartered
Ohr Somayach: Dieser Artikel wurde vom verstorbenen Rabbi Yakov Goldman geschrieben, der viele Jahre mit dem Joint Distribution Committee in Israel diente. Er erschien erstmals in der Winterausgabe 1975 des Shma Yisrael-Magazins, das von Ohr Somayach veröffentlicht wurde. Obwohl ein Teil des Materials überholt ist, haben wir das Gefühl, dass das meiste für unsere derzeitige Lage sehr zutreffend ist und stellen es daher so ins Web, wie er es schrieb.
„Wenn ich dich vergesse, oh jüdisches Viertel Jerusalems …“
Ein genauerer Blick auf die Geschichte Jerusalems stellt die Benennungen seiner Viertel in Frage. Wie nicht jüdisch genau waren das armenische, das christliche und das muslimische Viertel? Ist das jüdische Viertel einfach Jersualems „Lower East Side“?
Viele Menschen machen sich heute Sorgen über die Zukunft der Altstadt von Jerusalem. Der Papst zum Beispiel soll die Oberhäupter dreier afrikanischer Staaten getroffen haben und sie entschieden gemeinsam, dass Jerusalem international sein sollte. Nun, als Oberhaupt einer Kirche, die sich katholisch, d.h. universal nennt, könnte man vom Papst erwarten, dass er alles sub specie universelas betrachtet. „Internationalisiert Jerusalem! Lasst jede Nation daran teilhaben!“ König Hussein, weder so allgemein noch „liberal gesinnt“, sagte, er wolle es für sich, er wolle völlige Kontrolle über das alte Jerusalem. Es gibt viele weitere Vorschläge zur Zukunft Jerusalems, aber in einem scheinen sie alle übereinzustimmen: Jerusalem sollte wieder in zwei Städte geteilt werden – die israelische, d.h. die Neustadt, und die Altstadt – die nicht länger Teil der Hauptstadt des Staates Israel sein sollte. In dieser Hinsicht scheinen der Papst und König Hussein gleichermaßen entschieden zu sein.
Ich habe weder vor, die historischen Ansprüche der Juden oder Israels oder auf Jerusalem als Hauptstadt zu diskutieren, noch will ich auf die politischen Fragen eingehen oder darauf, ob es machbar ist, Jerusalem wieder zu einer geteilten oder internationalisierten Stadt zu machen. Aber ich will einen bestimmten Aspekt dieses Problems besprechen.
Viele sagen uns Juden, dass selbst in dem besten Tagen, vor der Gründung des Staates, Juden nur in einem Teil der Altstadt lebten; dieser wurde das jüdische Viertel genannt und da es vier Viertel gibt und wir nur eines haben, welchen Anspruch sollten wir auf die Souveränität über die ganze Altstadt haben? Unglücklicherweise komme ich zu dem Ergebnis, dass nicht nur Nichtjuden, sondern sogar Juden diese offenbar vernünftige „Tatsache“ akzeptieren. Wir Juden sprechen auch vom „jüdischen“ Viertel. Selbst die israelische Regierung hat besondere Regeln zum jüdischen Viertel festgelegt, was die Ansiedlung von Juden angeht, die in anderen Viertel nicht gleichermaßen Anwendung finden. Ich sehe dies als eine falsche Annahme und eine große Gefahr, wenn wir dieses Denken akzeptieren. Denn in Wirklichkeit hatte die gesamte Altstadt, alle vier Viertel, zumindest in den letzten paar Jahrhunderten jüdische Einwohner. Und die jüdische Bevölkerung ist zu verschiedenen Zeitpunkten in diesen Vierteln, wenn schon keine Mehrheit, so doch eine substanzielle Minderheit gewesen.
Die Teilungen
Stellen Sie sich Jerusalem als Rechteck vor, das von zwei Straßen durchzogen wird, die die Stadt aufteilen in Ost, West, Nord und Süd. Die erste Straße führt vom Damaskustor zum Zionstor und teilt die Stadt in Ost und West. Die Zweite Straße geht vom Jaffator aus – den Weg hinab, wie man zum Kotel (der Westmauer/“Klagemauer“) geht. Biegen Sie aber nicht rechts ab, wie sie direkt zum Kotel gehen würden, sondern gehen Sie weiter bis zum Tempelberg; diese Straße teil die Stadt in Nord und Süd. Das Ergebnis sind vier Viertel.

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