Rush Limbaugh Quote of the Day

"I hope I didn't shock you, folks, by telling you that Iran may be working on a bomb, but the UN just announced that that's what they think might be going on."
20. November 2008

Quo vadis, Russland? - Außenpolitik

Es ist bald zwanzig Jahre her, daß Russland den Kalten Krieg verloren hat und die Sowjetunion zusammengebrochen ist. Noch heute gibt es Leute, die behaupten, daß der Kalte Krieg unentschieden ausgegangen wäre. Sie argumentieren, daß Gorbatschow ein Visionär gewesen wäre. Ich gebe Gorbatschow, daß seine Überzeugung zum Gewaltverzicht zu einem friedlichen Ende des Konflikts führte, halte es aber ansonsten mit P.J. Rourke, der sinngemäß einmal sagte, daß Gorbatschow genau so ein Visionär war wie Kaiser Hirohito nach Nagasaki und Hiroshima. Wie auch immer man die Vorgänge damals beurteilt, Russland möchte offensichtlich ein Rückspiel erzwingen.

Putin hatte seine erste Amtszeit sehr pro-westlich begonnen, hat sich dann allerdings mit fragwürdigen Verbündeten umgeben… fragwürdigen Verbündeten namens Schröder und Chirac. Nun sind Schröder und Chirac Geschichte. Chirac ist im Ruhestand und Schröder macht heute Putins Öffentlichkeitsarbeit. Also musste man sich neue Freunde suchen. Was soll ich sagen, man wurde fündig. Erst bildete man eine Verteidigungsunion mit Lukaschenkos Weißrussland, dann verkaufte man Waffen an Ahmadinedjad und Assad. Nicht zuletzt mit Hugo Chavez wurden die Beziehungen stark ausgebaut und auch Altrevolutionär und Linksfaschist Daniel Ortega diente sich vor Kurzem den Russen an. Man fühlt sich wieder stark und möchte das auch zeigen. Diese Entwicklung hat meiner bescheidenen Meinung nach zwei entscheidende Grundlagen: Einen Minderwertigkeitskomplex, der aus dem Absturz von Supermacht zur besiegten Mittelmacht herrührt und einem Übermut, der sich aus dem dank der Rohstoffpreise plötzlich überbordenden Reichtum bildete.

Besonders Clevere werden mir sagen, daß agressives Verhalten der USA die Russen provoziert hat und sie gar nicht anders könnten, als auf diese Art und Weise zu reagieren. Angefangen mit der NATO- und EU-Osterweiterung über den Raketenabwehrschirm in Polen und Tschechien bis hin zur Unterstützung Georgiens vor und während des Krieges. Aber all diese “Bedrohungen” sind meines Erachtens auf eine völlig falsche Perzeption seitens Russland und seiner Unterstützer im Westen zurückzuführen. Das offizielle Russland und weite Teile der Bevölkerung haben im Gegensatz zu zum Beispiel Deutschland ein gelinde gesagt “unkritisches” Geschichtsverständnis. Der große Schlächter Stalin hat ein erstaunlich hohes Ansehen und ein offenes Bekenntnis zu ihm hat wenig gesellschaftliche Folgen. Den Balten wirft man zum Beispiel Undankbarkeit vor, weil man sie angeblich erst befreit und anschließend finanziert hätte. Der Einwurf, daß die Balten Geld aus Moskau bekommen haben, ist wohl auch nicht falsch, verliert allerdings an Bedeutung, wenn man eben hinzubedenkt, daß die Russen den Balten erstens die Freiheit und Souveränität genommen haben und die Finanzspritzen im Vergleich zu den verwehrten Entwicklungsmöglichkeiten, die man in den westlichen demokratischen und markwirtschaftlichen Nachbarn bewundern konnte, wohl eher unzureichend anmuten. Was sollten die Balten also tun mit einem Nachbarn, der sie zwar mehr oder minder gezwungen aus der Besatzung entließ, aber bis heute keinerlei Schuldbewußtsein entwickelt hat? Sie suchen sich Schutz in der NATO und versuchen durch EU-Mitgliedschaft den wirtschaftlichen Nachholbedarf zu decken? Die Balten haben auch Fehler gemacht und sicher gab und gibt es Kreise, die die deutsche Rolle im Zweiten Weltkrieg glorifizieren, aber was hat das mit NATO und EU zu tun? Rein gar nichts. So sehr mich die Nazikeule nervt, so dankbar bin ich auch für den deutschen Ansatz der Geschichtsaufarbeitung.

Kommen wir als nächstes zum Raketenabwehrschirm der USA. Der russische Außenminister Lawrow sagte im September diesen Jahres dazu:

Bisher reiche jedoch eine “simple militärische Analyse”, um festzustellen, dass ein US-Abwehrsystem in Europa auf lange Sicht keine anderen Ziele als russische Raketen habe. “Kein objektiver Beobachter glaubt, dass iranische Raketen eine Bedrohung für Europa, geschweige denn für die USA, darstellen”, hieß es in dem Beitrag weiter.

Es mag sein, daß Raketen aus dem Iran keine Gefahr darstellen, aber welche “simple militärische Analyse” führt zu der Gewissheit, daß sie es nie tun werden? Und wer sind diese “objektiven Beobachter”? Die Russen etwa? Es ist ausgeschlossen, daß die Abwehrraketen, die im Übrigen keinen Sprengkopf haben werden, das russische Arsenal irgendwie aufhalten könnten. Nun stellen die Russen als Antwort Angriffswaffen in Kaliningrad auf. Eine rationale Antwort wäre eine russischer Abwehrschild. Da will jemand beleidigt sein. Und wer jetzt den Vergleich zwischen dem Raketenabwehrschild in Polen und Tschechien und den russischen Offensivwaffen in Venezuela oder wie damals auf Kuba ziehen will, möge doch mal den Unterschied zwischen stabiler Demokratie und wahnsinnigem Diktator nachschlagen… und gleich danach Werterelativismus.

Letzter Punkt: Georgien. Ich stelle mich hierbei nicht uneingeschränkt auf die Seite Georgiens, weil mir Gewalt zum Erhalt der territorialen Einheit immer ein wenig Bauchschmerzen macht. Aber ich nehme den Russen ihr humanitäres Engagement nicht ab. Georgien ist und war eine junge und zugegebenermaßen auch mangelhafte Demokratie, aber Putins Russland sollte sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, bei der Beurteilung anderer Leute Demokratien, denn defekter als Putins war Sakaaschwilis Demokratie sicherlich nicht. Georgien war auf einem guten Weg. Putin sollte aufpassen, wen er einen Diktator nennt. Außerdem fragt man sich, woher Putin sich das Recht nahm, Tschetschenien dem Erdboden gleichzumachen, Sakaaschwili aber das Recht verwehrt, das gleiche mit Abchasien zu tun? Schade, daß Frau Politkowskaja nicht mehr unter uns ist, denn sie hätte sicherlich was dazu zu sagen gehabt. Putin sollte aufpassen, wen er einen Kriegsverbrecher nennt. Und nicht nur die Tschetschenen fragen sich sicherlich woher Russlands plötzliches Eintreten für Unabhängigkeitsbestrebungen kommt. Auch Kosovaren warten noch immer auf Unterstützung in ihrem Kampf um Souveränität!
Und der Vorwurf, daß Georgien durch die USA aufgerüstet wurde, ist solange valide bis man fragt, woher denn die Abchasier ihre Waffen hatten?

Dies soll nur ein kurzer Abriß über die russische Außenpolitik sein, aber die Richtung stimmt mich nicht zuversichtlich. Es ist reine Interessenpolitik, die einzig der Machtausdehnung dient. Einer demokratischen und freiheitlichen Entwicklung sowohl Russlands als auch der Welt dient diese Politik sicher nicht oder verstehe ich nur irgendwas falsch? Also, Russland, wohin geht’s?

Dieser Beitrag wurde von Sir Winston am Donnerstag, 20. November 2008 um 13:55 Uhr veröffentlicht und unter Russland abgelegt. | Sie können ihn per E-Mail versenden und ausdrucken. | Schreiben Sie einen Kommentar oder richten Sie einen Trackback auf Ihrer Website ein.

Bisher gibt es 27 Kommentare zu “Quo vadis, Russland? - Außenpolitik”

  1. 1 Sir Toby (Donnerstag, 20. November 2008; 16:28): 

    “Es ist ausgeschlossen, daß die Abwehrraketen, die im Übrigen keinen Sprengkopf haben werden, das russische Arsenal irgendwie aufhalten könnten.”

    Habe ich das richtig verstanden? Die Raketen haben keinen Sprengkopf? Wie sollen sie dann iranische Raketen abschießen können, wenn tatsächlich mal welche kämen?

    Also ich war nie ein Freund der Sowjetunion, und mit Rußland geht es mir nicht anders, aber Lawrow hat es in einem FAZ-Artikel, der um die Zeit erschien, als dieser Abwehrschirm in die Diskussion gebracht wurde, so erklärt, dass selbst ein völliger militärischer Laie wie ich es nachvollziehen konnte … tja, Pech - jetzt bräuchte man ein Archiv, denn ohne kann ich es leider nicht erklären. Hatte irgendwas mit den Flugbahnen zu tun, die diese möglichen iranischen Raketen nehmen würden. Aber was ich nicht verstehe ist dies: Wenn dieser Abwehrschirm tatsächlich gegen eine iranische Bedrohung gerichtet sein sollte, warum nicht in der Türkei, in Rumänien, Bulgarien oder was es da sonst noch so an Staaten gibt, die so arm sind, dass sie für kleines Geld auch ein bischen Land für die notwendige Infrastruktur zur Verfügung stellen würden??

    Wie gesagt, ich bin völliger militärischer Laie und maße mir da kein großes Urteil an, aber die Argumente von US-Seite kann ich - jedenfalls die, die mir bekannt sind - so nicht nachvollziehen.

    Und, wenn ich mir diese Anmerkung noch gestatten darf, Du weißt schon, was der Begriff ‘Salamitaktik’ meint?! Also, ich denke, wo erstmal Raketen stehen, da kommen früher oder später weitere dazu. Können zumindest. Und die Rakete dient dem, dem sie gehört - sie wird also vermutlich keinen Widerstand leisten, falls mal irgendjemand auf die Idee kommen sollte, dass ein atomarer Sprengkopf an ihrer Spitze vielleicht auch ganz nett aussähe. Nur mal so laut gedacht.

    Und noch eine Anmerkung zum ‘Georgien-Abschnitt’. Woher Putin sich das Recht nahm Tschetschenien platt zu machen, fragst Du? Na, aus der Tatsache, dass er a) die (militärischen) Möglichkeiten dazu hatte, und b) es in seinem - und damit eben im russischen - Interesse lag. Das ist im übrigen aus so ein Punkt, wo auf anderen Blogs, beispielsweise PI, irgendwo ein blinder Fleck ist. Da wird dann auf Typen wie Bassajew (oder wie auch immer der hieß) verwiesen, der ja wohl diese Krankenhausbesetzung und auch Beslan (? weiß ich nicht mehr genau) auf dem Kerbholz hatte, und dass er Islamist war und wohl von den Saudis finanziert … was sicher alles richtig ist. Nur: Wer hat die Russen gezwungen diese Länder (im 18. Jahrhundert?) zu erobern und seitdem zu vergewaltigen? Wenn man nach so einem Vorgehen dann irgendwann eine total pervertierte Gesellschaft produziert hat, die solchen Figuren wie Bassajew und Konsorten dann einen Handlungsraum bietet, dann ist das eigentlich kein Grund verwundert zu sein. Finde ich.

  2. 2 freinsheimer (Donnerstag, 20. November 2008; 16:36): 

    Lieber Sir Winston,

    wie ich finde eine sehr gute Analyse.

    Was mich immer wieder wundert: Wie man weiss, wollen die Russen in der Nähe von Kaliningrad (früher Ostpreussen) Mittelstreckenraketen stationieren. In meinen Augen ein agressiver Akt gegenüber Deutschland, Polen und Litauen. Aber das scheint hier niemanden zu interessieren, im Gegensatz zu den amerikanischen Abwehrraketen, die rein defensiv sind.

    PS. Kalinin war der Staatspräsident der Sowjetunion zu Zeiten Stalins. Dass man diesen Stadtnamen weiterhin beibehält, scheint übrigens auch niemanden zu interessieren.

  3. 3 ralphieboy (Donnerstag, 20. November 2008; 17:05): 

    Die Sowjetunion war durch ihrer kommunistischen Ideologie an einen gewissen Internationalismus gebunden: man müsste mindestens den Schein erwecken, als würde man in den Interessen aller Bauer und Arbeiter der Welt agieren.

    Jetzt darf Russland ganz unverhohlen nationalistisch auftreten: umso mehr, desto besser kommt es an bei der eigenen Bevölkerung.

    Und wenn man von einem “neuen kalten Krieg” redet, dann ist das für sie nichts ganz schlimmes: er errinert an die Zeiten, als Russland noch viel mehr Macht ausüben konnte.

  4. 4 Sir Winston (Donnerstag, 20. November 2008; 17:12): 

    @ Sir Toby

    Soweit ich weiß, sollen die feindlichen Raketen durch Aufprallenergie zur Explosion in der Luft kommen. Was Deine Kritik an den Flugbahnen der iranischen Raketen angeht, da müsste ich mich zugegebenermaßen auch erst reinlesen. Ich weiß schon, was die Salamitaktik ist, allerdings glaube ich kaum, daß der Abwehrschirm der Amerikaner dem russischen Arsenal in absehbarer Zeit gewachsen sein könnte. Und daß sich auf diese Raketen einfach so nukleare Sprengköpfe schrauben lassen, halte ich für unwahrscheinlich. Wenn Du andere Quellen findest, lasse ich mich da gerne überzeugen. Ich werde mich da tatsächlich auch nochmal tiefer reinlesen.

    @ Freinsheimer

    Erstmal danke für’s Lob. Und Du hast natürlich Recht, daß Kaliningrad im Grunde ein unappetitlicher Name ist.

  5. 5 Huwi (Donnerstag, 20. November 2008; 19:23): 

    Die Abwehrraketen funktionieren mit sogenannten Kill Vehicle. Das sind Kollisionoprojektile, die durch ihre bloße kinetische Energie (bis zu 7km/sec) eine Rakete beim Aufprall zerstören. Eine Ausrüstung mit Kernwaffen ist theoretisch denkabr, jedoch völlig unsinnig, da die Traglast viel zu gering für effektive Kernwaffen ist.
    Für die Sowjetunion - opps - für Russland ist das überhaupt keine Gefahr. Russland verfügt noch immer über zahllose Atomraketen - viel mehr als der Raketenschirm je abfahgen könnte. Mit Hilfe von MIRVs kann die Zahl der Sprengköpfe und Atrappen so gewaltig erhöht werden, daß selbst bei mehreren Jahrzehnten Investition noch immer kein ausreichender Schutz bestehen würde. So lange die USA nur vereinzelte Batterien aufstellen - und es geht aktuell ja nur um eine einzige Batterie - ist das System nur in der Lage einzelne Raketen abzufangen, niemals jedoch einen ernstgemeinten Erstschlag! Im Gegenteil, solch ein System kann sogar die Sicherheit erhöhen, weil Fehlfunktionen und Terroristische Einsätze abgewehrt werden können und nicht automatisch einen Gegenschlag zu Folge haben.

    Ein Aufstellen in Polen und Tschechien ist aus einem ganz einfachen Grund notwendig: Es braucht Zeit, die gestarteten Raketen zu entdecken und Gegenmaßnahmen einzuleiten. Wenn man die Abwehrraketen in der Türkei oder Bulgarien stehen hätte, wäre die Chance daß sie zu spät abgefeuert wären viel zu groß.

    Die von Russland aufzustellenden SS-26 Iskander in Königsberg sind hingegen reine Offensivwaffen, die auch nuklear bestückt werden können. Allerdings blufft Putin/Medwedjev bislang nur, da vermutlich erst sechs Iskander gebaut wurden, wovon drei in Georgien eingesetzt wurden - mit katastrophalen Einsatzdaten. Keine der Raketen traf ihr anvisiertes Ziel, die Rakete hat sich als (noch) völlig ungenau erwiesen - etwas untragbares bei allen nicht nuklearen Raketen.

  6. 6 Sir Toby (Donnerstag, 20. November 2008; 19:57): 

    Danke für die rasche Antwort, Sir Winston. Mit Quellen kann ich leider nicht dienen; es waren halt nur so Gedanken, die ich auf Basis von ‘hab ich irgendwo mal gehört’(leider)geäußert habe. Wie schon gesagt, ich bin (ansonsten nicht ‘leider’, hier aber schon) militärischer Laie, kann damit auch nicht wirklich etwas dazu sagen, ob das Gewicht eines Atomsprengkopfes (die es ja auch in etlichen Variationen gibt) für den geplanten Raketentyp (Welcher ist das eigentlich? Patriot? Oder entsprechende Nachfolger) zu schwer ist … oder passend gemacht werden könnte …? Wie gesagt, da ich es auch nicht weiß verbiete ich mir hiermit weitere Spekulation(en), da aus den eben genannten Gründen eben fruchtlos.

    Aber zu den Bahnen ist mir noch was eingefallen. Wenn ich mich recht entsinne ging es darum, das angreifende Raketen am besten in einem relativ kurzen Flugfenster nach ihrem Start durch Antiraketen-Raketen zu treffen wären… - und das würde wohl gegen die geplanten Standorte sprechen. Aber gut, ich hab leider kein Archiv (zu faul) auf das ich da zurückgreifen könnte, um mit genauer Information dienen zu können.

    Desssen ungeachtet halte ich es aber für einen Fehler die Russen unnötig zu reizen, denn das Problem Rußland löst sich auch so - man muß halt nur warten können. Dieser Staat wird implodieren wie die Sowjetunion; nicht heute und auch nicht morgen, aber eben übermorgen. Gut, wir beide werden es nicht mehr erleben, aber ich denke in etwa 50 - 60 Jahren werden sich die demographischen Verhältnisse so weit entwickelt haben, dass die asiatischen Republiken sich entweder wirklich selbstständig machen (also ‘richtig’ selbstständig, nicht nur scheinselbstständig wie jetzt) oder auf dem Wege der inneren demographischen Durchdringung dann Rußland in ähnlicher Weise übernehmen, wie Rußland sie vor Jahrhunderten zu übernehmen begonnen hat.

    Die Russen haben ausgespielt, die können unmöglich langfristig weiter mithalten. Was haben sie denn noch? Das was auch die Sowjetunion hatte: Atomwaffen und Rohstoffe. Aber die Sowjetunion hatte in den siebziger Jahren knapp 300 Mill. Einwohner - Rußland heute ca. 145 Mill. - und Rußland in 50 Jahren soll zwischen 90 und 100 Mill. Einwohner haben. Die Rohstoffgewinnung wird sich früher oder später ins Gebiet des Sonnensystems verlagern (Mond(e), Planeten etc.) und dann fällt diese Einnahmequelle auch noch weg. Nein, die sind fertig - sie wissen es nur noch nicht. Die Solokarriere ist vorbei, und damit wird die Frage virulent, wo sie denn mitmachen können/dürfen. Und da bleibt als realistische Option wohl letztlich nur die EU übrig (wenn sie nicht von ihrem früheren Kolonialgebiet in den asiatischen Teilen der ehemaligen Sowjetunion demographisch übernommen werden). Nur, dann müssen die sich einordnen und die Spielregeln derer akzeptieren, die schon lange da sind. Und gerade dieser Wandel des Selbstverständnisses, diesen Bruch zu verdauen … das wird sehr gefährlich, und da sollte man es tunlichst unterlassen auch noch mit Stöckchen nach dem verwundeten Raubtier zu stoßen, weil man meint, man sei ja durch das Käfiggitter geschützt. Das könnte eine böse Überraschung geben.

  7. 7 Sir Toby (Donnerstag, 20. November 2008; 20:03): 

    # Huwi

    Danke für die Info - meine Fragen haben sich damit ja erledigt.

  8. 8 ralphieboy (Donnerstag, 20. November 2008; 22:20): 

    Problem ist, dass solche Nuancen über Tragweite und Nutzlast an die meisten Russen einfach vorbeigeht: sie sehen nur “feindliche” Raketen in Nachbarländern stationiert.

  9. 9 Jürgen (Donnerstag, 20. November 2008; 23:46): 

    Sehr schöner Beitrag, Sir! Es ist sehr wertvoll, dass wir mit Dir einen Russlandkenner an Bord haben, der uns immer wieder mal aus dem Reich berichtet und analysiert, in dem sich der Rest unserer Belegschaft nicht so gut auskennt. Merci!

  10. 10 Sir Winston (Freitag, 21. November 2008; 14:02): 

    @ Jürgen

    Gern geschehen. Vielleicht schreib ich demnächst mal ein paar Worte zu Russlands innerer Situation. Mal schauen, wann ich dazu komm und Lust dazu hab.

  11. 11 freinsheimer (Freitag, 21. November 2008; 15:20): 

    Sir Toby hat einen interessanten Punkt angesprochen, der hier im Westen der breiten Öffentlichkeit vermutlich nicht so bekannt ist:

    Die katastrophale demographische Entwicklung Russlands.

    Jedes Jahr schrumpft die Bevölkerung um 700.000 Menschen, vermutlich ausschliesslich ethnische Russen, während die Tataren (= Turkvölker) eher zunehmen. Wie das auch Sir Toby angesprochen hat, wird dies innerhalb weniger Jahrzehnte die ethnische Zusammensetzung Russlands auf den Kopf stellen

  12. 12 Sir Winston (Freitag, 21. November 2008; 17:16): 

    @ freinsheimer

    Bei gleichzeitig großem chauvinistischen Nationalismus unter den ethnischen Russen birgt diese Entwicklung riesiges Bürgerkriegspotential.

  13. 13 ralphieboy (Freitag, 21. November 2008; 17:25): 

    Ganz zu schweigen über die Millionen von ethnischen Russen, die jetzt ausserhalb der Grenzen Russlands leben. In der UdSSR waren sie eher eine priveligierte Minderheit, jetzt ist es eher umgekehrt, besonders in den baltischen Staaten.

  14. 14 freinsheimer (Freitag, 21. November 2008; 18:29): 

    Was ich nie nachvollziehen konnte, als damals zu Zeiten Jelzins die Sowjetunion aufgelöst wurde, und alle Sowjetrepubliken selbstständig wurden,dass damals nicht versucht wurde, zumindest im Falle Kasachstans die Teilung dieser Republik zu erreichen, dahingehend dass der Nordwesten Kasachstans an Russland geht, der mehr oder weniger ausschliesslich von Millionen von Russen bewohnt war oder vielleicht noch ist.

    Auch wenn hier darüber wenig hört, das Leben eines Russen, in den neuen zentralasiatischen Republiken, ist mit Sicherheit kein Multikulti-Paradies. Dagegen lässt es sich in baltischen Staaten vergleichsweise gut leben, und es betrifft bei weiten nicht so viele Menschen.

    Übrigens die Gefahr eines Bürgerkrieges oder Progrome gegen Nichtrussen sehe ich durchaus auch.

    Ich hoffe nur, dass der Kramer vom ZdJ hier nicht mitliest, und ich Probleme kriege, wegen der falschen Benutzung des Wortes Progrom.

  15. 15 tape (Freitag, 21. November 2008; 18:36): 

    @ freinsheimer

    Nein, Progrom darfst du schreiben, nur auf den Begriff Pogrom hat ZdJ-Kramer ein copyright. :-)

  16. 16 Sir Winston (Freitag, 21. November 2008; 18:41): 

    Ja, es heißt “Pogrom”… was ich hier auch mal lernen musste. Früher habe ich es auch falsch geschrieben. Aber Pogrom ist eigentlich keineswegs nur auf die Judenverfolgung festgelegt. Ironisch genug im diskutierten Zusammenhang ist es sogar ein russisches Wort.

  17. 17 tape (Freitag, 21. November 2008; 18:47): 

    Ich denke, so gut wie jeder schreibt das intuitiv falsch (ich auch), weil sich Po grom irgendwie unanständig anhört.

  18. 18 anke (Freitag, 21. November 2008; 19:11): 

    möglich das es ein problem mit russland geben wird. ich denke es wird sich an königsberg zeigen.die bevölkerung ist arm und hat keine eigenständige geschichte der neid auf littauen ist gross . und moskau ist weit. die bevölkerung wird immer unzufridener .mal sehen was wird.das sich sonst nichts am denken geändert hat zeigt sich ,das nichts über den verbleib von wallenberg bekannt ist. oh man ich hasse das schreiben am pc.

  19. 19 freinsheimer (Freitag, 21. November 2008; 19:38): 

    @tape

    “Nein, Progrom darfst du schreiben, nur auf den Begriff Pogrom hat ZdJ-Kramer ein copyright”

    da bin ich ja beruhigt, ich hatte schon einen kleinen Koffer gepackt für den Fall, dass die Gedankenpolizei mich abholt. :)

  20. 20 Gutmensch (Freitag, 21. November 2008; 23:14): 

    @ralphieboy

    Die Russen in den baltischen Staaten haben mehr Rechte als in Russland. Natürlich bieten die großen Minderheiten Moskau einen Hebel, um Unruhe zu schüren. Doch wenn ich mir die Auseinandersetzung um das Ehrenmal in Tallinn anschaue, habe ich verstärkt den Eindruck, dass hier lediglich einige Jugendliche zum Krawallmachen von Moskau angestiftet worden. Die meisten Russen (ob mit oder ohne estischen Pass) dürften angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung im Baltikum und dem unbegrenzten Aufenthaltsstatus inklusive Schengen-Visum wenig Neigung verspüren, in den Schoss Russlands zurückzukommen.

  21. 21 Gutmensch (Freitag, 21. November 2008; 23:38): 

    Es ist müßig darüber zu diskutieren, ob die Russen die falsche Perzeption von den Abfangraketen in Polen haben. Entscheidend ist, dass sie diese Perzeption haben.
    Die Russen empfinden die Raketen eben als eine Bedrohung und sehen darin den ersten Schritt zu einem Abfangsystem, das auch in der Lage sein könnte, die Ballistischen Interkontinentalrakten der Russen abzufangen und damit die Zweitschlagskapazität gegenüber den USA zu schwächen und damit das strategische Gleichgewicht zu zerstören.
    Ob diese Gefahrenanlayse von Seiten Moskaus zutreffend ist, lasse ich noch unkommentiert. Interessant ist jedoch, dass Polen und Tschechen intern den Aufbau des Abfangsystems nicht mit dem Hinweis auf eine iranische Bedrohung, sondern mit Hinweis auf ein aggresiver werdendes Russland diskutieren.
    Vor diesem Hintergrund und den Ängsten im Baltikum halte ich es für sinnvoller, dass die (alte) NATO ihren neuen Mitgliedern im Osten glaubwürdig Schutz verspricht. Die Russen müssen verstehen, dass der Preis für eine Attacke auf das Baltikum, Polen usw zu hoch wäre.
    Die Stationierung der Iskander-Raketen in Kaliningrad sehe ich im übrigen nicht als eine Bedrohung, sondern als eine Art Verhandlungsangebot. Quid quo pro. Ihr baut die Abfangrakten ab, wir ziehen Iskander zurück.

  22. 22 Huwi (Freitag, 21. November 2008; 23:52): 

    Weder glaube ich den Russen, noch unseren Politikern, daß sie das was sie sagen glauben.
    Wer im Westen wie Kurt Beck angesichts erhöhter russischer Militärausgaben von einem neuen Kalten Krieg schwadroniert hat entweder nur Mus im Kopf oder will bewußt Unsinn erzählen, da er sich so als Pazifist und Krisenmanager profilieren kann.
    Putin hingegen weiß genau, daß der Raketenabwehrschirm keine Bedrohung ist und auch die nächsten 30 Jahre keine sein wird. Ihm geht es darum, sich und seinem Volk zu beweisen, daß Russland wieder wer ist. Hinzu kommt verletzter Stolz, weil die bösen Balten und ehemalige WP-Mitglieder einfach nicht in den Schoß von Mütterchen Russland zurückkommen wollen sondern sich lieber nach Westen orientieren.
    Diese Dinge sind so offensichtlich, daß es jeder Fachmann es bestätigen würde. Allerdings passt es halt ins politische Kalkül, die Situation zu dramatieren - von beiden Seiten.

  23. 23 bernd (Sonntag, 23. November 2008; 10:41): 

    Russland ist 89 als Konkurrent der USA weggebrochen. Nun rappelt es sich wieder auf und verkauft da, wo man es lässt. Wieso an Russland moralischere Massstäbe angelegt werden, als an Amerika, das irritiert mich immer wieder. Beide verkaufen Waffen an Schurkenstaaten aber Russland wird es angekreidet. Das ist eindeutig Doppelmoral. Mehr nicht.

  24. 24 Sir Winston (Sonntag, 23. November 2008; 11:00): 

    Es wird dann zur Doppelmoral, wenn Du mir sagen kannst, was Russland im letzten Jahrhundert für die Verbreitung und Erhaltung von Demokratie und Freiheit in der Welt erreicht hat… außer zusammenzubrechen.

  25. 25 anke (Sonntag, 23. November 2008; 11:30): 

    die plastik ,die sie auch den ammis schenkten .schwertern zu flugscharen.auch wenn wir hinterher drangsaliert worden sind. das ding war gut .find ich .mehr fällt mir nicht ien.höre heute noch die schüsse ,als sie sich gegenseitig erschossen haben .und das war in den 80.

  26. 26 ralphieboy (Sonntag, 23. November 2008; 19:04): 

    Alexandr Solzhenitsyn bemerkte einmal, dass Russland mit 25 Millionen Menschen die grösste Diaspora der Welt hat.

    Diese menschen sind im Kalten Krieg verlorengegangen. Im zweiten Weltkrieg haben sie nur 20 Millionen verloren, und davon nicht alle Russen…

    @Gutmensch,

    wo Die Russen “im näheren Aussland” leben haben sie es teilweise besser als in Russland, aber sie bleiben trotzdem immer noch oft nur Bürger zweiter Klasse.

  27. 27 anke (Montag, 24. November 2008; 12:51): 

    an 26:könnte das was wmit ihrer einstellung zum leben zu tun haben .als ich dort war habe ich einen schweren unfall gesehen alle standen rum,niemand half.angeblich durfte man nicht .für mich war es so als ob lebende für sie immer noch ohne bedeutung sind.leben ist für sie ohne wert.kann mich irren wäre schön.gutes bei den russen findest du bei tolstoi.hat mich jeden fals immer sehr angesprochen.

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