[…] Die geistigen Bewegungen unserer Zeit zielen alle sehr stark auf eine Vereinheitlichung auf allen Gebieten des gesamten öffentlichen Lebens der Menschheit hin. Kein Sektor ist davon ausgenommen. In der Weltpolitik strebt man seit Jahrzehnten auf dem Wege der internationalen Abkommen über Genfer Konvention, Haager Schiedsgericht, Völkerbund, Vereinte Nationen, Weltgewerkschaftskongresse und alle möglichen sonstigen Veranstaltungen deutlich auf eine Zentralregierung für die Menschheit der ganzen Erde.
Wie die Rationierungsmaßnahmen beweisen, mußte auch das wirtschaftliche Leben diesem Zuge zur Vereinheitlichung folgen. Mögen auch die Einzelvorgänge oft noch mangelhaft sein, aber im Prinzip ist die Entscheidung gefallen, und niemand kann sich ihr völlig entziehen. Dazu ist die Verflochtenheit der Weltwirtschaft bereits zu groß und die Abhängigkeit der einzelnen Wirtschaftszweige voneinander viel zu offensichtlich.
Auch das kulturelle und geistige Leben befindet sich […] in rasch fortschreitender Angleichung […]
Es ist daher auch nicht verwunderlich, daß von diesem Zuge zur Vereinheitlichung das Gebiet des religiösen Lebens nicht ausgenommen ist. Ja, hier macht sich dieser Zug am stärksten bemerkbar. Die Ursache hierfür liegt darin, daß letzten Endes alle Äußerungen des Menschenlebens und alle Vorgänge des Weltgeschehens eine weltanschauliche Begründung verlangen. Alles, was geschieht in der Welt, hat eine geistige Ursache. Darum fragen auch der Einzelne und die Gesamtheit immer wieder: “Warum mußte das so kommen?” – Wer den Zusammenhang zwischen den geistigen Ursachen und ihren Auswirkungen im Zeitgeschehen kennt, weiß auch, warum jede Bewegung nach einer geistigen, d. h. aber weltanschaulichen Begründung verlangt. Auf diese Begründung verzichten, hieße von vornherein die Existenzgrundlage aufgeben. Denn alle Vorgänge sind zeitlich; die geistige Idee aber, aus der sie stammen, ist überzeitlich. Alles Glück aber, (und darauf zielen doch alle Maßnahmen der Menschheit, die einen Sinn haben und von allgemeinen Interesse sein sollen, ab), will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit (Nietzsche). Darum sucht man das Recht zur Änderung der Ordnungen des menschlichen Daseins stets irgendwie sittlich zu begründen und religiös zu unterbauen. Man vergleiche hierzu nur einmal die hervorstechendsten Entwicklungsabschnitte der menschlichen Geschichte, besonders die Vorgeschichte der Revolutionen. […]
Dem Zusammenschluß der verschiedenen Stämme, Volksteile und Völkerschaften eines geographischen Lebensraumes zu einer Nation stehen oft große Schwierigkeiten entgegen, deren Überwindung meist nur unter jahrhundertelangen Kämpfen sich vollzieht. Je stärker die gemeinsamen Interessen in den Vordergrund treten, umso eher können die Kämpfe durch Verhandlungen ersetzt werden. Allerdings stellen diese Verhandlungen sehr häufig nur eine andere Form des Krieges dar, den sog. kalten Krieg. Beispiele hierfür bietet die Gegenwart in so großer Zahl, daß es sich erübrigt, auf ältere geschichtliche Vorgänge zurückzugreifen.
Unter den Schwierigkeiten, die sich der Vereinheitlichung verschiedener Volksteile zu einer lebensfähigen Nation entgegenstellen, ist die Verschiedenheit der Religion die größte. Man beachte in diesem Zusammenhang nur einmal den Kampf zwischen Juden und Arabern, die doch rassenmäßig beide von Abraham abstammen! Oder man vergleiche hierzu auch den Streit zwischen Hindus und Moslems in Indien, wo die Verschiedenheit der Religion die nationale Einheit unmöglich macht. Ist es daher verwunderlich, wenn Menschen, die aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen oder aus irgendwelchen anderen Interessen einen völkischen Zusammenschluß ersehnen, alles versuchen, um dieses größte Hindernis zu beseitigen, indem sie mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln der List und der Gewalt eine gemeinsame religiöse Plattform zu schaffen suchen, die weit genug ist, um allen Beteiligten Raum zu bieten?
An Begründungen für ein solches Vorgehen fehlt es wirklich nicht. Ist nicht allein die Zweckmäßigkeit an und für sich schon ein genügender Grund? — Der Zusammenschluß zu einem größeren Ganzen soll doch die Wirtschaft beleben, die sozialen Zustände bessern, Kultur und Zivilisation heben. Sind solche Verbesserungen nicht “Tatchristentum” oder doch mindestens allgemeine sittliche Leistungen? — Sollte also der Erfolg, nämlich die Hebung des gesamten Lebensstandards, nicht Grund genug dazu sein, die Nivellierung oder Beseitigung der religiösen Unterschiede zu rechtfertigen? –
Je nach dem Stärkeverhältnis der einzelnen Gruppen üben die Machthaber, die zur Einigung drängen, einen mehr oder minder fühlbaren Druck auf einzelne Teile (Minderheiten) oder auf alle (Mehrheiten) aus. Mit Zuckerbrot in der einen und der Peitsche in der anderen Hand wird der Weg der “weltanschaulichen Reformen” und der “religiösen Erneuerung” gegangen, um den Unterbau für das neue Staatsgebilde zu schaffen. Ob man den “Reformwilligen” Siedlungsland, Staatsämter, wirtschaftliche Vorteile oder Ehrenstellen (z.B. Quotenregelung, Anm. J.) verspricht, oder ob man die Widerstrebenden durch Schulung, Internierung, Schutzhaft, Liquidierung, Ausweisung und andere Mittel gefügig macht, hängt nur von der jeweiligen Lage ab. Die Despoten früherer Jahrtausende übten diese Praktiken genau so, meist sogar offener und ehrlicher, als die Volksbeherrscher späterer Zeiten. Im Prinzip ist es aber kein Unterschied, ob ein römischer Cäsar die Anhänger einer ihm unbequemen oder verhaßten Weltanschauung vor den Toren der Hauptstadt ans Kreuz nageln ließ, oder ob Karl der Große bei Verden a. d. Aller die Häupter der heidnischen Sachsen mit dem Schwert umbringen ließ, oder ob man heute irgendwo mit “moderneren” Mitteln zur Einheit strebt, anfangend vom Ausschluß der Unbequemen von jeglichem Einfluß auf das öffentliche Leben bis zum völligen Boykott (Off. 13, 16-18).
Die Methoden sind auch durchaus nicht ehrlicher geworden. Wenn irgendwo ein Minister seinen Kollegen unbequem geworden ist, wird er für das Kabinett untragbar und wird gezwungen, “aus Gesundheitsrücksichten” sein Rücktrittsgesuch einzureichen. Ob sich dieser sehr häufige Vorgang in einer Demokratie, einer Monarchie oder einer Diktatur abspielt, ist für die Ehrlichkeit der Begründung und Darstellung des Vorgangs ohne Bedeutung.
Die Zwecklüge ist zu einem der Hauptmittel der nationalen und internationalen Politik geworden. Ja, sie stellt geradezu die heimliche Großmacht dar, während die militärische und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Volkes seine öffentliche Macht darstellen. Lüge und Gewalt sind die beiden Hauptmittel der Weltpolitik. Dies ist in einer Welt, deren Gott und Fürst ein Lügner und Menschenmörder von Anfang ist, nicht anders zu erwarten. Von diesen zwei Großmächten, der Lüge und der Gewalt, wird die Menschheit weitgehend regiert, ohne daß sie es weiß.
Zweckmäßigkeit ist daher noch kein Beweis für die Gerechtigkeit einer Sache und die Richtigkeit eines Unternehmens. Die Zwecklüge geschieht ja auch aus Zweckmäßigkeitsgründen und wird dadurch noch lange nicht zur Wahrheit. Und wie weit man damit kam, daß man lehrte: “Gut ist alles, was dem Volke nützt; schlecht ist alles, was dem Volke schadet”, haben wir ja in der Praxis gesehen. Mit dieser Staatsmoral kann man alle Maßnahmen rechtfertigen, die man für notwendig hält, um eine Vereinheitlichung auf allen Lebensgebieten herbeizuführen.
Daß der Staat, der einmal begonnen hat, diesen Weg der Zweckmäßigkeit zu gehen, bei konsequenter Durchführung dieser Grundsätze immer offener mit den ewigen Normen des göttlichen Rechtes in Konflikt kommt, ist unabänderlich.
Der Staat braucht zur Untermauerung seiner Maßnahmen eine einheitliche Staatsmoral. Was ihr widerspricht, schaltet er aus, einerlei, auf welche Weise er dies tut. Er erkennt daher die Tätigkeit religiöser Gemeinschaften insoweit an, als sie ihm dienlich sind, und er unterbindet alles das, was nicht zweckmäßig für den einheitlichen Staatsbetrieb ist.
Wie sich dies z. B. auf die Anstellung von Beamten, die Einrichtung von Schulen (Stichwort: Homeschooling, Anm. J.), die Gestaltung der Presse, der Rundfunkveröffentlichungen usw. auswirkt, ist Tag für Tag an der Praxis der verschiedensten Länder (und mittlerweile auch an der Praxis in Deutschland, Anm. J.) zu ersehen.
Wenn daher staatlicherseits die Zusammenarbeit der Konfessionen und der Zusammenschluß der Kirchen “eifrig gefördert” wird, so mag das für die Massen einen “sehr guten Eindruck” machen und als “überaus zweckmäßig” und “völlig im Interesse des Volkes liegend” anerkannt werden. Die Reinheit der Beweggründe und die Richtigkeit des Weges ist aber genau so zweifelhaft wie bei Verden a. d. Aller oder der Bartholomäusnacht in Paris oder der Vertreibung der Salzburger oder noch anderen, uns näher liegenden Vorgängen der neueren Geschichte. […]